Gute Hoffnung

Wir befinden uns in einer tiefen Erschütterung. Die letzten Jahre haben uns auf uns selbst zurückgeworfen, wir haben Verluste erlebt, Einsamkeit, Überforderung. Fast alle Gewissheiten einer gefühlt sicheren Normalität stehen in Frage. Und dass wir noch größeren Veränderungen entgehen sehen, zeigt der fundamentale Angriff auf die Illusion von Frieden und Sicherheit demokratischer Fundamente, in der wir uns in Europa wähnten. Krieg, Flucht und Vertreibung sind unglaublich nah gerückt, real waren sie schon immer. Unsere Welt ändert sich radikal – ob wir wollen oder nicht. Wir sind verletzbarer geworden und dünnhäutig. Aber wir haben auch scheinbar Selbstverständliches neu schätzen gelernt, wir haben über Solidarität und Mitgefühl zumindest nachgedacht. Und aus dem Schlimmsten das Beste erfunden. Was diese Zeit mit uns als Gemeinschaft macht, ist noch gar nicht abzusehen – dass sie uns verändert, ist sicher. Dass wir uns verändern müssen, um die Demokratie zu bewahren.

In dieser Zeit der ungeheuren Spaltung, der aufbrandenden Gewalt, der sich verknappenden Ressourcen glauben wir weiter an die verbindende und tröstliche, aber auch revolutionäre Kraft des Theaters. Wer, wenn nicht das Theater, könnte unsere Utopien erfinden; sich empathisch in die einfühlen, die sich (noch) nicht zugehörig fühlen; uns ganz nah zusammen bringen (endlich wieder!), um gemeinsam Geschichten zu erzählen. Wer, wenn nicht das Theater, könnte politisch sein, ohne manipulativ zu werden; könnte offen sein und dennoch Haltung haben – ein Transit-Ort, an dem wir uns kühn fühlen können und gleichzeitig aufgehoben.

Wir haben Angst vor dem Ungewissen und brauchen extrem viel Mut um das Ende der Welt, wie wir sie kennen, überhaupt zu denken. In Oberhausen wollen wir ein Theater machen, das diesen Mut ausstrahlt, das ALLE einlädt im Austausch zu bleiben und sich nicht in die Spaltung zu verabschieden. Das uns hilft, die Komplexität auszuhalten. Wir wollen Theater machen, das spielerisch und spielwütig ist, lustvoll und grandios in der Form, voller Seele und Härte. Das hoffentlich wärmt und erschüttert, das erstaunt und verstört. Theater Oberhausen: Ein emotionaler und extrem politischer Ort des Geschichtenerzählens!

Oberhausen war immer im Umbruch. Es hat die Suche nach der neuen Bestimmung längst begonnen, neue Wege beschritten und trägt gleichzeitig alle Schmerzen der Transformation in sich: Vorbild für den Prozess der Veränderung, den wir alle (wieder) vor uns haben. Visionäres Potential für eine gemeinschaftliche Zukunftsperspektive. Wir sind voller Neugier und Demut, Theater machen zu dürfen in einer Region, in der unglaublich viel in Bewegung ist, Mut und Wunden inbegriffen. Wo könnte ein Theater mehr lernen über den Weg ins Offene? Und könnte es vielleicht auch gebraucht und gewünscht sein als Open Haus, in dem wir uns verständigen können?

Gute Hoffnung ist zaghafte Hoffnung für eine Zukunft, die extrem viel Gestaltungswillen und Visionen erfordert. Mit den Produktionen 2022/23 in einem Theater der Zeitgenossenschaft möchten wir uns an den Zustand unserer Gesellschaft herantasten; vielleicht erste Thesen finden, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen. Die großen Themen der Transformation stehen natürlich im Fokus: Wer ist betroffen, wenn sich der soziale Spalt vergrößert? Wie können wir Vielfalt und Individualität als verbindende Kräfte begreifen? Wann lernen wir Menschen die Liebe für das, was uns umgibt? In den Texten zeitgenössischer Autor:innen, in großen klassischen Stoffen für Heute, in Projekten mit regionalem Bezug treibt uns immer die Frage nach neuen Möglichkeiten für unser Zusammenleben um. Die atmosphärischen Unterströme, die Temperatur unserer Zeit, das Bedürfnis nach Nähe, nach einem Raum für Trauer oder für Leichtigkeit und manchmal nach Momenten des Vergessens grundieren den Spielplan. Was brauchen wir jetzt um nach vorne zu blicken, was ist wichtig, was nötig? Vielleicht wünschen wir uns auch einfach große Geschichten und glamouröse Ästhetik, Strahlkraft und Glanz …

Gute Hoffnung: Unser Start in Oberhausen ist natürlich von großem Optimismus getragen: Wir freuen uns unglaublich darauf, nach der langen Vorbereitung endlich mit Ihnen direkt in Kontakt treten zu können, Sie kennenzulernen und mit Ihnen in den Austausch über die Fragen zu kommen, die uns alle bewegen und die zu groß für einen allein sind. Wir hoffen darauf, nach den Jahren der Pandemie wieder leidenschaftliches Theater machen zu können.

Als Theater möchten wir ein offener Ort für Oberhausen sein. Das spiegelt sich nicht nur in der Vorfreude auf zahlreiche Kooperationen mit Partner:innen in der Stadt, sondern auch in unserer Sparte Open Haus, die Vernetzungsund Vermittlungszentrale sein will und Einladung an uns alle, Theater ganz neu zu erleben. Es spiegelt sich in den Urban Arts als Baustein für ein interdisziplinäres, experimentierfreudiges Stadttheater der Zukunft. Und es spiegelt sich in unserem Angebot im Jungen Theater, wo wir uns der besten Hoffnung für die Zukunft ohnehin am nächsten fühlen.

Wir hoffen von Herzen Sie für unsere Stücke und Stoffe begeistern zu können. Gemeinsam mit Ihnen ganz viel erleben und erfahren zu dürfen. Das Theater als Inspiration zu erleben für alles, was vor uns liegt!

Kathrin Mädler
designierte Intendantin

You HoPE
SO YOU are crazy

Jenny Holzer / Louise Bourgeois, 2022